19.05.2026… Anke Feuchtenberg über…

Anke Feuchtenberger über ihr Werke "Die Leuchte"

Die Leuchte

Beim ersten Betrachten der Kunstwerke in der Prinzhornsammlung war ich schockiert von der Dringlichkeit des Sich-Formulieren-Müssens, der Not und der Notwendigkeit erzählen zu müssen. 
Mit allem, was das alltägliche arme Umfeld an Materialien bietet und dem starken Bezug zu dem Körper. 
Mein Fokus in der Zuwendung vor einigen Jahren, lag insbesondere auf der von Frauen geschaffenen Kunst in der Sammlung.
Es hat mich immer schon mehr interessiert, welche kreativen Impulse Frauen abseits von akademischer und finanzieller Anerkennung haben.
Weil sie jahrzehntelang wenig oder keine Anerkennung erhalten hatten und weil sie in der Wahl der Materialien so vielfältig waren und weil nicht nur diese Vielfältigkeit mir unbedingt modern erscheint, sondern auch die erzählerische Potenz.
Als die Anfrage zur Gestaltung der Fenster des Gebäudes der Prinzhornsammlung  kam –  die nur temporär zu sehen sein wird und dadurch
den Aspekt des Flüchtigen in sich trägt – kam mir sofort die einfache Technik des Malens mit Buttermilch auf Glas in den Sinn.
Auch die kreative Arbeit der biologischen Reproduktion hat einen Moment des Flüchtigen, weil sie immer ans Lebendige und Vergehende gebunden ist und zugleich im Großen und Ganzen den Fortbestand der Klasse der Säuge-tiere absichert. 
Buttermilch ist mit Wasser löslich und hat einen starken Effekt durch das Sichtbarbleiben der malerischen Strukturen nach innen wie außen. Die Art der Zeichnung scheint einen Negativcharakter zu haben, weil wir es gewöhnt sind, dunkle Materialien als Zeichenmedium auf weißem Papier zu denken. Und weniger Weiß auf Schwarz.
Milch ist per se ein Aspekt des weiblichen Körpers, ein Material, welches im kreativ-reproduktiven Prozess der Säugetiere entsteht und mir als Malmittel prädestiniert scheint.
Das Motiv der Arbeit bezieht sich auf das Verhältnis von Körper und Kopf, wobei ich ein Changieren erzeugen möchte: der Kopf – der Rationalität zugeschrieben – ist dem Körper abhandengekommen. Wie – das will ich spontan im Prozess der Zeichnung herausfinden.
Der Körper aber hat die Macht, den Kopf wie eine Lichtquelle in die Dunkelheit zu benutzen. Zugleich wird in meinem Bild das Licht mit den Augen hergestellt. Thematisiert wird die Kraft des Blickes, die Perspektive des Erzählens, des Beleuchtens eines Weges in die Dunkelheit.
In dieser Metapher würde ich, im Motiv drastisch getrennt, die Trennung kreativ aufheben. Die Kunst in der Prinzhornsammlung, gerade weil sie zu ihrem Entstehungszeitraum akademisch und gesellschaftlich noch nicht anerkannt war wie heute, ist eine Bestätigung für mich und viele Künstler:innen, die ich kenne, dass Kunst zwar im Austausch mit der Gesellschaft entsteht, aber in ihrem Ursprung einem kreativen Impuls folgt, der so persönlich, intim wie allgemein menschlich bestimmt ist.
 

Über Anke Feuchtenberger

Anke Feuchtenberger wurde 1963 in Berlin (DDR) geboren und studierte an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee. Heute lebt sie in Vorpommern und Hamburg, wo sie als Professorin an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften lehrt. Als freiberufliche Autorin und Comic-Künstlerin arbeitet sie vorrangig mit Kohle auf Leinwand oder mit Tusche und Bleistift auf Papier. Feuchtenberger hat zahlreiche Comics und Erzählungen veröffentlicht, die in mehrere Sprachen übersetzt wurden. 2020 erhielt sie den Max-und Moritz-Preis für ein herausragendes Lebenswerk.

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